Bedeutung von Zen für Europa

Karlfried Graf Dürckheim


Wunderbare Katze und andere Zen-Texte

Drei Abschnitte zur Einführung

Was ist das zentrale Anliegen des Zen? Die Neugeburt und Verwandlung des Menschen aus der Erfahrung des Seins. Zen lehrt uns den Weg zur Befreiung unseres Wesens aus den Fesseln des weltabhängigen Ichs. Zen lehrt es nicht mit den Mitteln eines analytischen, schlußfolgernden Denkens, auch nicht in der Form eines dogmatische Glaubens oder einer spekulativen Metaphysik, sondern als Weg der Erfahrung und Übung.

Zentexte vermitteln keine Theorien, sondern Übungsimpulse und Erfahrungen. Sie appellieren nicht an unsere Intelligenz, sondern an unsere innere Bereitschaft und unsere eigene Lebens- und Leidenserfahrung. Sie laden uns ein, den Gehalt unserer tiefsten Stunden ernst zu nehmen, sie fordern uns auf, bestätigend oder mahnend, uns auf Lebensaugenblicke zu besinnen, in denen wir, vielleicht nur für einen Augenblick, der Wahrheit des Lebens ganz nahe waren und unsere und der Welt Daseins-Tiefe verspürten. Sie prüfen uns, ob wir dann unserem Leben eine neue Richtung gaben oder achtlos im gewohnten Geleise über unsere Sternstunden wegglitten.

Nur wenn man Zentexten als Suchender begegnet, öffnet sich ihr Sinn. Rein theoretischem Interesse bleibt er verborgen. Nur dem Menschen, der den Weg sucht, auf dem er seine Bestimmung erfüllt, haben sie etwas zu sagen. Der <Weg< im Sinne des Zen ist aber der Weg der Übung, der Übung verstanden als exercitium ad integrum. So mündet alles, was Zen lehrt, immer auf eine Erfahrung gegründete und zu besonderen Erfahrungen hinführende Praxis.